„Welcome to the United States“ Teil II

„This happens when I think about Trump“ Es ist 6:30 Uhr und wir eilen mit unseren Koffern zu unseren vier Vans. Heute geht es ab nach Cleveland, ganz in den Norden von Ohio. Es ist Montag, der 5. September und überraschenderweise Labor Day in den USA. Auch hier wird nochmals alles gegeben, um die Arbeiterklasse anzusprechen.

In Cleveland angekommen, stehen bereits viele Organisationen, Schulgruppen und Freimaurer in einer Reihe, um an der Parade teilzunehmen. Unsere Gruppe soll den ehemaligen Gouverneur und den Kandidaten zum US-Senat tatkräftig unterstützen. Wir bekommen T-Shirts, einige verteilen bereits Goodies – die Stimmung ist sehr fröhlich.

Die Parade dauerte etwa 1,5 Stunden, bis ans andere Ende der Stadt. Trotz begeisternder Parade konnten wir kaum erwarten, was danach kommt: der Besuch der Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Unter extremen Sicherheitskontrollen waren wir aufgrund der Bemühungen von Hertha und ihres Teams in der Lage, die Kandidatin live zu treffen. Nach einer kleinen Verspätung und zahlreichen Musikstücken bewegte sich endlich etwas: der Kandidat zum Vizepräsidenten, Tim Kaine, kommt unter lautem Jubel auf die Bühne uns spricht über die Rechte der ArbeiterInnen, über Gewerkschaften und die Mittelklasse. Fast scheint es so, als wären wir in Europa, bis wir uns daran erinnern, dass heute Labor Day ist.
Kaum 10 Minuten gesprochen, kündigt er die „nächste Präsidentin der USA“ an.  Noch bevor man Hillary sehen kann, bricht ein Jubel aus. Menschen fangen an, sich zu stoßen – ein Ausnahmezustand noch bevor sie auftaucht. Endlich ist sie da, begrüßt die anderen Kandidaten aus Ohio, geht auf die Bühne und bedankt sich.

Nach drei Minuten bekommt sie endlich die Chance, sich zu äußern. Doch sie schafft es nicht, einen Satz fertigzusprechen. Es ist der Beginn eines wochen-langen Themas mit zahlreichen Spekulationen: der Gesundheitszustand von Hillary Clinton. Die Menschen werden nach einigen Minuten still, man sieht immer mehr besorgte Gesichter. Dann sagt sie mit heiserer Stimme etwas, was die Stimmung rasant lockert. „This is what happens when I think about Trump“. Die Menschen beginnen zu lachen und zu applaudieren, so laut es nur geht. Nach 10 Minuten schafft sie es langsam, ihren Vortrag über die Mittelklasse, die Rechte der Frauen und gegen die Ausgrenzung anderer Minderheiten zu sprechen. Sie präsentiert ihr neues Buch „Stronger Together“, das sie gemeinsam mit Tim Kaine geschrieben hat.  Nach vierzig Minuten ist auch dies zu Ende, total erschöpft machen wir uns zurück auf den Weg nach Washington DC.

Final Day
Der letzte Tag. Alle sind sichtlich übermüdet, doch keiner spricht darüber. Noch sind alle glücklich, es liegt immerhin noch ein ganzer Tag vor uns.  Wir gehen erneut in den DLCC Conference Room, der im 14. Stock eines modernen Hauses Mitten in DC liegt. Zwei Frauen verschiedener NGO’s beginnen über ein Thema zu sprechen, das einen hohen Stellenwert im Wahlkampf hat: Gun Law Reforms. Eine der Vertreterinnen kam aus der Black Lives Matter Bewegung. Sie erzählte, warum Regulierungen notwendig sind und wie einfach es in den USA ist, eine Waffe zu erlangen. Sogenannte „Backroundchecks“, also Identitätsüber-prüfungen erfolgen fast nicht – auch, weil viele Waffen im Internet erworben oder von privaten Personen weiterverkauft werden. Natürlich spielt die Waffenlobby eine zentrale Rolle. Diese hatte es in der Vergangenheit geschafft, viele Wahlen und Kandidaten zu beeinflussen. Die andere Vortragende stammt aus Kalifornien. Sie ist vor einigen Jahren aktiv geworden, als ihre Mutter auf offener Straße erschossen wurde. Auch sie erzählt über die aufwendige Arbeit, ein Austausch zwischen allen Anwesenden findet statt. Bevor es zur Gewerk-schaft geht, hören wir uns in einem weiteren Treffen noch an, wie es um die Familienpolitik in den USA steht.
Die Treffen am Nachmittag sind im Haus der US Gewerkschaften mit verschiedensten Repräsentanten geplant. Als wir uns nähern, sehen wir ein prächtiges Gebäude, unweit des Weißen Hauses. Es war für viele deshalb umso schockierender zu erfahren, dass lediglich 12 % der ArbeiterInnen in den USA Mitglied einer Gewerkschaft sind. Gründe dafür werden viele genannt, jedoch nicht meine Theorie der fehlenden Präsenz und Unterstützung.

Eines der Themen war auch die Wahlen und der Einfluss der Gewerkschaft auf diese. Mit großer Sorge erklärt uns Hailey Snow von der American Federation of Teachers, dass zwar Hillary Clinton in den internen Wahlen der Gewerkschaft mit 34% gewonnen hat, jedoch auch Donald Trump immerhin auf 16% gekommen ist. Für mich war es besorgniserregender zu hören, dass der Unterschied zwischen Hillary Clinton mit 25% für Bernie Sanders fast 10% beträgt.

Tatsächlich gibt es noch in einigen Staaten Verhaftungen aufgrund von Abtreibungen, erklärt uns am Nachmittag ein Vortragender über Frauenrechte in den USA. Er zeigt uns Zeitungsartikel, man sieht seine Besorgnis für die Zukunft, sollte Donald Trump gewinnen. Ein Lächeln kommt auf, als wir über die Gruppen und deren Wahlverhalten sprechen: immerhin wählen die meisten weißen Frauen, Latinos, Afro-AmerikanerInnen und andere Minderheiten die Demokratische Partei. Um dem entgegen zu wirken, werden vermehrt Menschen aus diesen Gruppen auch im Wahlkampf der Republikaner eingesetzt.

Hardworking American
Dies war auch schon eine gelungene Einleitung auf den letzten Vortragenden Steve Pierce von der Hattaway Communications Agentur, die auch für die Democratic Party arbeitet. Ich bin mir nicht sicher, ob Heather ihn beabsichtigt zum Schluss eingeladen hat. Die Themen sind die „moral and strategical sides of the campaign“, von denen heute noch viele der anwesenden GenossInnen sprechen. Steve fängt an, mit voller Energie und Begeisterung über die ersten Schritte eines Wahlkampfes zu sprechen. „The first question, one should find out is: What is your message and whom are you targeting?“, betont er mit lauter Stimme, bevor er uns die vier Modelle der „Aspirational Communications“ zeigt. Zusammengefasst sind dies die Werte und Emotionen, die in WählerInnen hervorgerufen und geweckt werden müssen, um die große Masse in einem Wahlkampf anzusprechen.

Er zeigt uns anhand eines Videobeispiels des Kandidaten Rod Snyders, warum welche Wörter verwendet wurden und warum bestimmte Personen im Video zu sehen sind. Fast schon suggestiv, nutzen in einem so entscheidenden Wahlkampf beide Seiten ihre ganzen Möglichkeiten aus. „Es ist notwendig“, erklärt er uns, bevor er definieren, was „Hopes and Values“ sein können und warum jeder Kandidat und jede Kandidatin die magischen Wörter „Hardworking American“ verwendet. Laut Steve sind es rund 90% der AmerikanerInnen, die sich für „Hardworking Americans“ halten. Mit dieser einfachen Aussage schafft man es also, viele Menschen anzusprechen.

Irgendwann müssen wir gehen, denn wir sind zum Abendessen bei einer Bekannten von Heather zu Hause eingeladen. Ich versuche zu verstehen, warum uns eine fremde Person zu sich nach Hause einlädt, aber Heathers Antwort ist nicht präzise genug. Kaum angekommen, werden wir durch die Gastgeberin empfangen, die in einem schicken Reihenhaus im Zentrum von Washington DC lebt. Die Visitenkarten und Magazine auf dem Tisch verraten, worum es sich handelt: um eine weitere PR- und Kommunikationsagentur, die gerne Freunden aus anderen Ländern bei Wahlen unterstützen möchte. Ob es sich nun für sie ausgezahlt hat, werden wir in Zukunft sehen.

Seither sind bereits zehn Tage vergangen. Ich sitze im Flieger von Los Angeles nach Wien, nachdem ich meine Familie besucht habe. Mit mir zwei Bücher, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: Stronger Together und Great Again.
Das eine ist von Hillary Clinton und das andere von Donald Trump. Ich entscheide mich, das Buch von Hillary zuerst zu lesen und fange an zu schmökern. Mir kommt ein Lächeln ins Gesicht, als ich bestimmte Begriffe wie „Hardworking Americans“ oder „Common Values “ entdecke. Das Buch ist wie eine Prüfungsunterlage der Universität, nachdem man die Vorlesung und das Tutorium besucht hat: alles schon einmal gehört, doch nun strukturiert zusammengefasst. Exakt die Aussagen, von denen wir bei den verschiedenen Treffen mit den Agenturen gehört haben, sind hier wiederzufinden. Erneut geht mir der letzte Tag unserer Studienreise durch den Kopf und will daran glauben, dass diese Art des Wahlkampfes notwendig ist. Ich brauche einen Steve, der diese Gedanken stoppt und die Gedanken zurück auf Themen lenkt, die auch wir im Wahlkampf gebrauchen könnten – vielleicht jedoch in einer bodenständigeren Form.

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