„Welcome to the United States“ Teil I

„Online Campaign and Strategies“ – exzellent! Je mehr ich das Programm lese, desto spannender wird es. Es ist der 1. September und ich bin am Weg nach Washington DC zur Studienreise der Party of European Socialists (PES), der International Union of Socialist Youth (IUSY) und der Young European Socialists (YES), in Kooperation mit der Modern Action Strategies, einer Kommunikationsagentur der Democratic Party.

Es ist nicht das erste Mal,  dass die PES sich bemüht, MitgliederInnen aus Europa in die USA zu schicken, damit sie etwas vom US-Wahlkampf  lernen und Erfahrungen mit den Wahlkampfmanagern austauschen. Ist auch verständlich, wenn man das Programm weiterliest: „Turn out the young vote“. Alles Probleme, die auch uns in Europa tangieren und beschäftigen.  Kaum angekommen, sind wir durch Barak Obama empfangen worden. Zwar nicht persönlich, sondern mit einer Videobotschaft am internationalen Flughafen Dallas: „Welcome to the United States“. Nachdem sich die Homeland Security vergewissern konnte, dass ich keine Gefahr für die USA darstelle, treffe ich beim ausgemachten Treffpunkt bereits die ersten GenossInnen aus unterschiedlichen Ländern. Schnell werde ich daran erinnert, welche Eigenschaften essentiell sind, um im internationalen Umfeld erfolgreich aktiv sein zu können: Flexibilität und Anpassung. Denn für manche GenossInnen kommt es nicht in Frage, sich in ein Uber-Taxi zu setzen, da deren Parteien gegen dieses Unternehmensmodell sind. Nach einer Stunde in einem üblichen Taxi und 75 Dollar später kommen wir im Hotel an, wo wir durch Hertha Brown, einer der KampagnenleiterInnen und ihren KollegInnen herzlichst empfangen werden.

Der erste Tag beginnt sehr früh: 7 Uhr Frühstück, denn um 8 Uhr müssen wir in der DLCC Conference Room sein. Gut, dass wir noch Zeit hatten zu googlen, was die DLCC eigentlich ist: nämlich jene Organisation, die für den Wahlkampf  der Partei zuständig ist.
In der Conference Room merkt man schnell an, wer sich mit einem Jetlag herumschlagen muss – bis Benjy Messner anfängt, über Themen wie Big Data, Targeting und Online Campaigns zu sprechen. Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass es das erste Treffen von vielen ist – so aufmerksam, wie alle 15 TeilnehmerInnen im Raum mitschreiben. Interessante Fragen, wie man Daten sammelt, wie man mit freiwilligen HelferInnen umgeht oder wie man die gewünschte Gruppe in einer online Kampagne erreicht, sorgen dafür, dass wir etwas verspätet mit dem zweiten Meeting über State Legislative Seats beginnen. Therese Thomas vom Vorstand der DLCC klärt uns unter anderem über die üblen Tricks der Republikanischen Partei auf: in manchen Staaten werden nämlich Hauptstädte mit umliegenden Bezirken zu einem Wahlbezirk zusammengelegt. Durch die hohe Zahl der republikanischen WählerInnen außerhalb der Hauptstadt kann somit auch in den Hauptstädten die republikanische Partei Wahlsiege feiern.

Wir gehen durch die Straßen von DC, hinwärts zu einem Gebäude, welches viel größer scheint, als es tatsächlich ist: das Weiße Haus. Durch die Sicherheits-kontrollen vorbeischleichend schaffen wir es, doch noch näher ranzukommen, um das winzige Gebäude – schätzungsweise etwa so groß wie das Schloss Belvedere – zu betrachten. Für viele kommen Erinnerungen aus Serien wie House of Cards hoch, bevor sie von Hertha zurück zur Realität geholt werden.
Denn wir müssen ins US Capitol Building eilen, wo uns Daraka Larimore-Hall, ein Veteran der IUSY sowie eine Senatorin aus Kalifornien empfangen.  „Kalifornien gilt als progressiv und macht sich keine Sorgen, den Staat an die Republikaner zu verlieren“, beginnt Daraka zu prahlen, bevor Themen angesprochen, die den Wahlkampf beeinflusst haben: Migration, Gun Law, Latinos, Lobby, etc. Eine ehrliche Diskussion startet zwischen AmerikanerInnen und dem Rest der Welt.

Anschließend findet ein Treffen mit VertreterInnen des Democratic National Committee (DNC) statt. Die DNC ist ein Zweig der Democratic Party und beschäftigt sich mit den Anliegen der Zivilbevölkerung, organisiert Veranstaltungen und führt laufend Kampagnen durch. Kurz: sie ist die amerikanische Form der SPÖ-Direkt, jedoch in einem eigenen Gebäude angesiedelt, welches größer ist als der Sitz der Bundes-SPÖ in der Löwelstraße.  Nach einer weiteren Stunde mit der Degradierung Trumps und interessanter Diskussionen endet auch das letzte Treffen des Tages.
Um auch etwas in der Stadt zu sehen, führt man uns zum open-air Museum des Kämpfers für Gerechtigkeit, Martin Luther King und anschließend zum Denkmal des beliebten republikanischen Präsidenten Abraham Lincoln und den demokratischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt.

„Put her in jail!“
Tag 2. Heute fahren wir nach Ohio. Doch bevor es losgeht, treffen wir die Vizepräsidentin der Young Democrats of America. Sie erzählt uns, wie die jungen WählerInnen zur Wahl mobilisiert werden. Die Jugendorganisationen zählen die meisten MitgliederInnen an den Universitäten. Obwohl die Jugendorganisation im ersten Augenblick als jung, dynamisch und progressiv scheint, wird dieses Bild durch einen Satz der Vizepräsidentin relativiert: 90% der MitgliederInnen ihrer Organisation haben von Anfang an Hillary, und nicht Bernie unterstützt. Somit war die gestrige Diskussion unter uns IUSY MitgliederInnen, ob die Democratic Youth denn nicht Mitgliedsorganisation der IUSY werden sollte, nun auch vom Tisch.

Nach dem netten Austausch und dem gemeinsamen Foto geht es schon los, wir fahren nach Ohio mit einem kurzen Zwischenstopp in West Virginia und ein Treffen mit einem weiteren Kandidaten der demokratischen Partei, wo uns die drastischen Unterschiede von Bundesstaat zu Bundesstaat klar werden.

Nach 5 Stunden im Van erreichen wir endlich die eigentliche Destination Ohio, wo die angespannte Lage erdrückend sichtbar wird. Anders als Kalifornien ist Ohio ein Swing-State – also ein Staat, bei dem vor jeder Wahl unklar ist, für welchen Kandidaten sich die Bevölkerung entscheidet. In der US-Geschichte ist es nämlich nur zweimal vorgefallen, dass in Ohio ein Kandidat in den Vorwahlen gewonnen, und danach nicht neuer Präsident der USA geworden ist. Dementsprechend sieht man bereits am Weg zur Hauptstadt Columbus radikale Plakate der Trump AnhängerInnen: „Put her in jail“ oder „Killary for Prison“ zählen zu den harmloseren. Willkommen im harten Wahlkampf!

Früh am Morgen machen wir uns am Weg zum lokalen Wahlbüro von Hillary Clinton. Unter brennendem Sonnenschein beobachten wir am Weg bereits, was auf uns zukommt: ein tabuloser Wahlkampf. Unsere Freunde vor Ort schauen müde aus, versuchen jedoch, motiviert zu wirken. Immerhin gibt es dieses Büro bereits seit dem Vorjahr. Es ist eine Ehre für sie, dass Menschen  aus  der ganzen Welt beim Wahlkampf mithelfen wollen –   diese Freude sollen wir mit der Bevölkerung von Ohio teilen. Etwa so beginnt die Eröffnungsrede einer Mitarbeiterin, bevor es zu den technischen Details geht. Sie erklärt uns das amerikanische Wahlsystem, die Strategien in Ohio und die Wichtigkeit, in Ohio zu gewinnen. Zum Schluss ihres Vortrags gelangen wir zum praktischen Teil unserer Arbeit – denn heute werden wir im Wahlkampf eingesetzt.

Kaum sind die letzten Unklarheiten geklärt, geht es schon los: In Zweiergruppen werden wir in verschiedenen Bezirken ausgesetzt, um beim Door-Knocking Menschen davon zu überzeugen, die Democratic Party zu wählen. Und wenn sie überzeugt sind, helfen wir ihnen mit den bürokratischen Hindernissen, die ein amerikanischer Staatsbürger oder eine Staatsbürgerin auf sich nimmt, wenn er oder sie wählen gehen will. Laut dem US-Wahlgesetz müssen sie vor den Wahlen registriert sein, um wählen gehen zu dürfen. Wer in den letzten Jahren nicht wählen war, umgezogen ist oder einen neuen Namen trägt, muss sich erneut registrieren lassen. Wir merken langsam, wie exklusiv das US-Wahlsystem ist.

Nach zwei Stunden und zahlreichen erfolgreichen oder weniger erfolgreichen Gesprächen, Lob und Kritik werden wir dann abgeholt, um zu erfahren, wie man erfolgreiche Telefonate mit potenziellen WählerInnen führt.  Uns wird schnell klar, warum der Vortragende am ersten Tag so überzeugt über die Wichtigkeit der Datenbank für einen Wahlkampf sprach. Denn tatsächlich haben viele zugesagt, zu der großen Veranstaltung am kommenden Freitag zu kommen – einige haben sich sogar bereit erklärt, als „Volunteer“, also freiwillige HelferInnen im Wahlkampf mitzuwirken. Nach erfolgreichen Stunden des Wahlkampfes steht ein Dinner-Treffen mit einigen Kandidaten der Partei sowie der lokalen Jugendorganisation am Programm, bevor auch dieser interessante Tag zu Ende geht.

 TEIL 2 DIESER SPANNENDEN STUDIENREISE FOLGT!

Einen Kommentar hinterlassen

9 + four =